Historisches Archiv der Region Biel, Seeland und Berner Jura

Robert Walser

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1917, als rund um die Schweiz der Erste Weltkrieg Millionen von Toten fordert, veröffentlicht Robert Walser (1878-1956) sein Prosastück «Spaziergang», das 1920 in einer Neufassung im Sammelband «Seeland» herauskommen wird. Zu der Zeit ist er ein mittelloser Dichter, der, zurückgekehrt aus Berlin, sein Leben als völliger Aussenseiter in Biel fristet. Die finanzielle Situation ist miserabel, und er hat schlechte Aussichten, sich beruflich irgendwo wieder zu etablieren. Sein Bruder Karl hingegen, hat sich als Maler einen Bekanntheitsgrad geschaffen, von dem er als Dichter nur träumen kann. Die Luxusausgabe der Sammlung «Seeland», die vom Rascher-Verlag in 600 Exemplaren gedruckt wird, verkauft sich wie alle seine Bücher nur äusserst schleppend, obwohl Karl Walser sie mit fünf Radierungen illustriert hat.
 
Trotzdem lässt sich an Robert Walsers Prosa kaum etwas von den drängenden Schwierigkeiten feststellen. Er bezeichnet sich auf dem Spaziergang als «zielbewusster, solider Mann», wenn nicht gar als «Lord und Grandseigneur», der es sich erlaubt, die Gegend einmal aus privilegierter Sicht zu betrachten. Die Ironie und der Stolz des freiwilligen Müssiggängers, die hier herauszulesen sind, durchziehen den ganzen Text «Spaziergang», der sich stellenweise wie ein Dreiergespräch zwischen dem Autor Robert Walser, dem wandernden Ich-Erzähler und dem angesprochenen Leser liest.
 
Sein Leben lang war der in Biel geborene Robert Walser ein leidenschaftlicher Spaziergänger und Wanderer. Einmal soll er an einem Tag von Bern zu Fuss auf den Niesen gegangen sein und noch am gleichen Abend zurück, ein Gewaltmarsch von 24 Stunden. Aber wenn er uns, wie in seiner 1917 entstandenen Erzählung «Spaziergang», auf einen poetischen Spaziergang mitnimmt, können wir nie ganz sicher sein, ob dieser so stattgefunden hat oder hätte stattfinden können. Er zeichnet nicht bloss die äusseren Eindrücke auf, sondern sein Stil ist vielfach dem Gedankenspiel auf Wanderschaft nachempfunden. Im regelmässigen Rhythmus des Fortbewegens bilden seine Gedanken lange Assoziationsketten, schweifen ab und lassen sich wieder von einem bestimmten Eindruck auf etwas Neues bringen. Seine Beschreibung der äusseren Umgebung wird immer wieder durchbrochen von Überlegungen ohne erkennbares Ziel, er verwendet die unterschiedlichsten Eindrücke, um über seine Existenz als Schriftsteller nachzudenken sowie für seine Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Nicht zuletzt spielt er leichtfüssig mit den lautmalerischen Elementen der Sprache.
 
Robert Walser beobachtet seine Umgebung in seiner romantisch-abenteuerlichen Gemütslage, in die er sich versetzt, genau. Doch welche Umgebung? Walser versteht das Seeland nicht örtlich. In seinem «Spaziergang» sind zwar viele Lokalitäten identifizierbar, doch Walser betont auch, «das Seeland kann in der Schweiz oder überall sein, in Australien, in Holland oder sonstwo». Dennoch pflegt Walser keinen abgehobenen Blick auf eine fiktive natürliche Gegend, zu Unrecht wurde er lange Zeit als Idylliker und Naturverklärer angesehen. Auf seinen Spaziergängen wird Robert Walser immer wieder mit Auswüchsen der modernen Welt konfrontiert, welche er durchaus nicht alle begrüsst. Gegen den damals noch seltenen Privatverkehr, für fortschrittsgläubigere Publizisten ein Anlass zur Hoffnung, stösst er eine Verwünschung aus: «Wehe daherfahrenden Automobilen, die kalt und bös in das Kinderspiel, in den kindlichen Himmel hineinfahren, und kleine, unschuldige menschliche Wesen in Gefahr bringen zermalmt zu werden.» Das protzige, goldene Reklameschild einer Bäckerei stört ihn, weil es den guten Geschmack verdirbt. «Die miserable Sucht, mehr zu scheinen als was man ist, soll der Teufel holen, denn das ist die wahre Katastrophe. Dieses und ähnliches verbreiten Kriegsgefahr, Tod, Elend, Hass, Verunglimpfungen auf der Erde (...)»

Hinter seinen vordergründig harmlosen und naiven Betrachtungen verbirgt sich ein ironisch verkleidetes Aufbegehren gegen solche Zumutungen der Zivilisation, in deren Namen Kriege geführt werden. Der Rückzug in die überschaubare Welt des Spaziergängers ist die Methode Walsers, sich zur Tagesaktualität zu äussern – vielleicht weniger direkt als andere, aber länger während.


Autor: Andreas Schwab / Quelle: Andreas Schwab 2005