Historisches Archiv der Region Biel, Seeland und Berner Jura

Lebensreform und Heimatstil

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Die Grundlagen des Heimatstils
Einfachheit, Reinheit, Schönheit sowie gesundes Leben in Licht und Luft, zentrale Werte der Bewegung für Lebensreform, prägten auch die Grundsätze des Heimatstils: Die Reformarchitektur hatte zuerst bei den Bedürfnissen der künftigen Bewohner anzusetzen, nicht bei der Fassade. «Bauen von innen nach aussen» bedeutete, bei der Anordnung der Räume die Notwendigkeiten des Alltags zu berücksichtigen und ein Gebäude als zweite Haut des Menschen zu begreifen. Dementsprechend bevorzugte der Heimatstil natürliche, aus der Region stammende Baumaterialien und achtete bei der farblichen Ausgestaltung auf Lebensfreude ausdrückende Farben. Fassaden von Heimatstilbauten waren oft begrünt und wurden wenn möglich von einem Garten umgeben. Grosse, feinsprossige Fenster sowie Loggien, Lauben und Lukarnen sorgten dafür, dass reichlich Licht und Sonne ins Innere gelangen konnten. Im Innern trug ein gewisser Hygieneluxus zur gesunden Lebensführung bei. Bau und Ausstattung der neuen Gebäude sollte wenn möglich regional verankerten Handwerkern anvertraut werden.
Die Bezeichnung «Heimatstil» erhielt die Reformarchitektur wegen ihrer Formensprache: Die Formen des Historismus mit ihrer Betonung der Symmetrie, mit ihrem Reichtum an oft beliebig kombinierten Verzierungen wurden abgelehnt; stattdessen griff der Heimatstil auf authentische, in der Region verankerte Vorbilder zurück. So erhielt die Reformarchitektur regional sehr unterschiedliche Ausprägungen, die den Formen der jeweils vorgefundenen traditionellen Bauern- und Bürgerhäuser entsprach. Viele Architekten des Heimatstils führten verschiedene dieser traditionellen Formen zu einer neuen Synthese zusammen. In der Fassadengestaltung achteten sie bewusst auf Asymmetrie.
 
Das Erfolgsgeheimnis des Heimatstils
Die Bewegung für Lebensreform und der Heimatstil als Teil dieser Bewegung stiessen nicht überall auf Gegenliebe. Dass der Heimatstil ab 1910 zum schweizweit führenden Stil wurde, war nur dank systematischem, gut organisiertem Lobbying möglich. Eine entscheidende Rolle spielte dabei der 1905 gegründete Schweizer Heimatschutz, der sich für die Bewahrung der historisch gewachsenen Ortsbilder einsetzte. Einer dem kurzfristigen Profit verpflichteten Bautätigkeit sagte der Heimatschutz den Kampf an, um einer neuen, reformierten Baukunst zum Durchbruch zu verhelfen, die sich an Einfachheit, Schönheit und Solidität orientierte. In einer konsequent bilingue geführten Aufklärungsarbeit gelang es dem Schweizer Heimatschutz, viele Politiker, Architekten, Journalisten und Künstler für die Reformarchitektur zu gewinnen.
Der Heimatstil, anfänglich erst im herrschaftlichen Villenbau verbreitet, wurde nach 1908 auch im kleinbürgerlichen Wohnbau populär. Diesen Durchbruch verdankte die Reformarchitektur dem in jenem Jahr durchgeführten «Wettbewerb für einfache schweizerische Wohnhäuser» des Schweizer Heimatschutzes. Erst die publizistische Kampagne für diesen Wettbewerb machte landesweit klar, dass «heimatliches Bauen» auch preisgünstig realisierbar war.

Bieler Beiträge zur Demokratisierung des Heimatstils
Zu den zehn preisgekrönten Bauten des Heimatschutz-Wettbewerbs von 1908 gehörte das Projekt «Motto Daniel» von Friedrich Saager. Der damals 28-jährige Bieler Architekt, ein Mitbegründer des Seeländischen Heimatschutzverbandes, sah als Standort für «Motto Daniel» das Dörfchen Alfermée oberhalb der Strasse Biel-Neuenburg vor. Das Projekt wurde nicht ausgeführt, aber das von Saager&Frey 1916 in Vingelz erbaute Einfamilienhaus «Acherbyri» war spürbar vom Wettbewerbsprojekt beeinflusst.
Auf das Ziel, die Reformarchitektur auch weniger kaufkräftigen Gesellschaftsschichten zugänglich zu machen, haben zwei Bieler Architekten schon hingearbeitet, bevor der Schweizer Heimatschutz seinen Wettbewerb organisierte: Die Architekten Joseph Troller und Emanuel Jirka Propper propagierten in ihrer Tätigkeit als Hauptlehrer an der Bauschule des Bieler Technikums preisgünstige Bauten im Heimatstil.
Im Gegensatz zu Troller, der 1906 nach Fribourg berufen wurde, hinterliess Propper Spuren, die bis heute im Bieler Stadtbild sichtbar sind. Gesamtschweizerische Beachtung fand das an der Schützengasse in Biel verwirklichte Projekt «Modernes Heim», das die «Schweizerische Bauzeitung» 1905 bis 1906 in mehreren Beiträgen als beispielhaft lobte.
 
Das «Moderne Heim»
Eine 1905 auf Proppers Initiative gebildete Baugesellschaft wollte dem Mittelstand den Erwerb modernen und preisgünstigen Wohnraums ermöglichen. Dass für das erste Projekt ein Grundstück an der Schützengasse angekauft wurde, war wohl kein Zufall. In einem Artikel über die Bautätigkeit im Rebbergquartier schrieb das «Bieler Tagblatt»: «Glücklich sind die Menschen, die eine solche Wohnstätte besitzen, sie haben die Gesundheit sozusagen versichert.» Wohnen an gut besonnter Lage galt als sehr gesund, und das «Tagblatt» scheute sich nicht, an anderer Stelle zu fragen, ob eine so privilegierte Wohnlage nicht auch für kleinere Einkommen erschwinglich sein sollte.
Noch im selben Jahr entstanden nach Proppers Plänen die drei Reiheneinfamilienhäuser Schützengasse 74 bis 78, die wesentliche Merkmale des Heimatstils auf sich vereinigten: Die asymmetrisch gestaltete Südfassade erinnerte an Bürgerhäuser der Bieler Altstadt, während Lauben nach dem Vorbild des seeländischen Hauses die Nordfassade prägten.
Bei der Anordnung der Räume achtete Propper auf optimale Lichtverhältnisse. Zum Beispiel waren die Wohnzimmer auf der Südseite vom angrenzenden Salon nur durch Schiebetüren getrennt.
Dem Anspruch, preisgünstigeren Wohnraum zu schaffen, wurde das «Moderne Heim» gerecht: Das Haus Schützengasse 74 beispielweise wurde ab 1906 von einem Technikumslehrer bewohnt, der pro Jahr 4200 Franken verdiente. 1911 wurde dieses Haus für 30 000 Franken verkauft.

Eine Pioniertat: die moderne Raumkunstausstellung für den Mittelstand
1901 hatte die international führende Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe in Darmstadt ihre erste Ausstellung für «reformierte Raumkunst» organisiert. «Innendekoration», die Darmstädter Reformzeitschrift, bekannte 1903 selbstkritisch: «Die neue Bewegung leidet (…) unstreitig daran, dass ihre Erzeugnisse fast stets nur dem Wohlbemittelten zugänglich sind.» Einen Hinweis darauf, dass in diesem Bereich auch an der zweiten Darmstädter Raumkunst-Ausstellung erst geringe Fortschritte gemacht wurden, gab Architekt Propper 1904 in seinem Reisebericht: «Leider ist das bisher Gebotene, das durchwegs als «vornehm» bezeichnet werden muss, wegen den hohen Verkaufspreisen noch nicht allgemein zugänglich. (…) Man ist aber vollauf befriedigt und trägt die Überzeugung davon, einen bahnbrechenden Anfang miterlebt zu haben. Es bedarf nur noch der Übertragung auf einfachere Verhältnisse, damit die Kunst ihren wahren Zweck erfüllt, der Allgemeinheit das Dasein zu verschönern.»
Der Bieler Architekt zögerte nicht, einen konkreten Versuch zur Demokratisierung der Kunst zu wagen: Bevor das Haus Schützengasse 74 bezogen wurde, organisierte die Gesellschaft «Das moderne Heim» während vier Wochen eine Wohnungsausstellung mit Möbeln, die von dem in Darmstadt Gesehenen inspiriert waren, sich aber konsequent an den finanziellen Möglichkeiten des Mittelstandes orientierten. Möglich wurde die Ausstellung dank der Bereitschaft zahlreicher Bieler Gewerbetreibender, unter anderem der Firmen Hartmann (Rolladen), Brodbeck (Tapeten) und Schweizer (Möbel).

Heimatstilbauten in Biel

Lange bevor der Heimatstil als selbständige architektonische Strömung existierte, baute der Bieler Maler Léo-Paul Robert 1886 ein Ateliergebäude, das mehrere Merkmale des Heimatstils vorwegnahm: Die Gestaltung der Fassaden war betont asymmetrisch, und Robert griff auf traditionelle bernische und neuenburgische Bauformen zurück, die er zu einem neuen Ganzen zu vereinigte. Robert war ein persönlicher Freund des ersten Vizepräsidenten des Schweizer Heimatschutzes, Philippe Godet.
Wie in anderen Städten fiel die Blütezeit des Heimatstils auch in Biel auf den Zeitraum 1905 bis 1914, als die gute Konjunktur eine rege Bautätigkeit förderte. Die Reformarchitektur war vor allem bei der Überbauung des Rebberges beliebt, ausserdem entstanden einige bedeutende städtische Gebäude im Heimatstil. Letzteres war hauptsächlich das Verdienst des Architekten Heinrich Huser, der 1901 bis 1925 als Stadtbaumeister amtete. Huser gestaltete unter anderem den Bau des Gymnasiums (1908), des Zeughauses (1913) und der Wohnüberbauung „Im Wasen“ (1917/18).
Wichtige Heimatstilbauten in Biel entstanden auch auf Initiative privater Unternehmen, nämlich der Baugesellschaft Union AG (Gebäude Unionsgasse 13 bis 15), der Berner Kantonalbank (Zentralplatz) und der Vereinigten Drahtwerke AG (Wohlfahrtsgebäude an der Neumarktstrasse 64). Ganz im Sinne der Bewegung für Lebensreform sollte das Wohlfahrtsgebäude den von auswärts kommenden Arbeitern die Möglichkeit geben, sich in der Mittagspause gesund zu verpflegen; ausserdem standen dort der ganzen Belegschaft Duschräume und Badewannen zur Verfügung.

Weiterführende Literatur: Dr. Elisabeth Crettaz-Stürzel, Heimatstil, Reformarchitektur in der Schweiz 1896-1914, Verlag Huber, 2005.


Autor: Christoph Lörtscher / Quelle: 1919
Format: 1900