Historisches Archiv der Region Biel, Seeland und Berner Jura

Hauptbahnhof Biel: Wie soll ein Ort am Puls der Zeit gestaltet werden?

Stadt Biel - Bahnhöfe - Lokalpolitik




Die SBB möchten das Bieler Bahnhofgebäude in "neuem altem Glanz" erstrahlen lassen. Das 27-Millionen-Projekt beabsichtigt, die Seitenflügel des 1923 erbauten Gebäudes aufwerten, um den Haupteingang zu entlasten und so mehr Platz für die Reisenden zu schaffen. Im Bewusstsein, dass die umfassenden Veränderungen in einem denkmalgeschützten Gebäude stattfinden, betonen die SBB, die historische Bausubstanz werde umfassend erneuert, aufgewertet und saniert. Damit würde der Bieler Hauptbahnhof Teil mit einem standardisierten Angebot ausgestattet, das auch dem hiesigen Publikum «Mehr Bahnhof» bieten soll.

Gegen das aktuelle Umbauprojekt hat sich erheblicher Widerstand gebildet. Diese Entwicklung hat unter anderem damit zu tun, dass die SBB als Trägerin des Wakkerpreises 2005 besonders aufmerksam mit denkmalgeschützter Bausubstanz umgehen muss. Doch nicht zuletzt stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, was in öffentlichem Raum «am Puls der Zeit» noch Platz haben darf.
Die Opposition wendet sich hauptsächlich gegen die Aufhebung des Bahnhofbuffets und die Umnutzung des Wartsaals. In den Augen der SBB scheinen beide Räume nicht mehr zeitgemäss genutzt zu sein. Doch Elemente, welche die Schnelllebigkeit zentraler Dienstleistungszentren mildern, gehören nicht nur zur Tradition der Bahnhofarchitektur , sie entsprechen auch aktuellen Bedürfnissen. So sind in vielen Bahnhöfen grösserer Städte «Räume der Stille» geschaffen worden, und im Kontrast zum omnipräsenten Fast-Food wird gerade heutzutage die Möglichkeit geschätzt, die traditionelle Esskultur in historischem Rahmen zu pflegen.

Nicht zufälligerweise gehören der Schutz des architektonischen Erbes, die Bewahrung der traditionellen Gastronomie und ein kritisches Verhältnis gegenüber allgegenwärtiger Betriebsamkeit zu den Anliegen einer kürzlich ins Leben gerufenen internationalen Städtevereinigung, welche die Zukunft gemäss der «Agenda 21» nachhaltig gestalten will. In diesem Zusammenhang gesehen, ermöglicht die Sorge um die Bewahrung des Wartsaals und des Bahnhofbuffets eine intensive Diskussion über unsere Werte. In vielen Städten Europas haben solche Diskussionen wertvolle Impulse zur Stadtentwicklung ausgelöst. Somit liegt in der aktuellen Auseinandersetzung auch eine Chance.

Der Widerstand gegen die Umbaupläne der SBB im Bahnhof Biel hat am 1. März 2007 einen Höhepunkt erreicht - die Interessengemeinschaft Pro Bahnhofbuffet hat Vertretern der SBB eine Petition mit 8079 Unterschriften überreicht. Die Petition verlangte, dass das Bahnhofbuffet in seiner bisherigen Form und Funktion erhalten bleibe.
Ausserdem sind beim Regierungsstatthalteramt Biel bis zum 2. März 2007 zehn Einsprachen gegen die Umbaupläne der SBB eingegangen.  Die Einsprachen wandten sich nicht nur gegen die geplante Aufhebung des Bahhofbuffets, sondern auch gegen die Umnutzung des Wartsaals in eine Kaffeebar und gegen die geplante Aufnahme eines Grosssverteilers im Bahnhofgebäude.

Regierungsstatthalter Garbani hat am 27. November 2007 die Einsprachen abgewiesen und der SBB die Bewilligung für den Umbau des Bieler Bahnhofs erteilt. Mit der Bewilligung sind allerdings Aufalgen verbunden: Die SBB müssen 152 Veloabstellplätze garantieren. Der Regierungsstatthalter empfiehlt zudem, gewisse Elemente des Bahnhofbuffets wie die Treppe zu erhalten. Die Einrichtung einer Cafébar im Wartsaal hält er für nicht realisierbar - die Wandmalereien von Philippe Robert sollten keinen Emissionen ausgesetzt werden.



 



Autor: Christoph Lörtscher / Quelle: 2000
Format: Christoph Lörtscher