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Archive Bieler Tagblatt / Journal du Jura

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Die Antiautoritäre Internationale

 

Die Internationale Arbeiter-Assoziation als erste globale Organisation der Arbeiterschaft

Die Antiautoritäre Internationale entstand aus der ersten internationalen Organisation der Arbeiterschaft  überhaupt: Die1864 gegründete Internationale Arbeiterassoziation  (IAA) war der erste Versuch, die im "Kommunistischen Manifest" geforderte internationale Selbstorganisation der Arbeiterschaft zu verwirklichen. Die auch unter dem Namen "Erste Internationale"  bekannte Organisation begann als ideologisch breit gestreuter Zusammenschluss verschiedener Arbeiterparteien und revolutionärer Zirkel.  Doch schon bald zeichneten sich grundsätzliche Divergenzen zwischen zwei Strömungen ab: Die von Karl Marx geführte Strömung forderte eine Internationale mit starkem Zentrum, das in der Lage war, auf die Politik der Mitgliedsorganisationen Einfluss zu nehmen. Die von Michail Bakunin inspirierte Strömung lehnte jeden Zentralismus grundsätzlich ab - die Internationale sollte als lockere Föderation strukturiert sein.

Mit der Zeit sah es aus, als habe Marx die besseren Karten: Seine Forderung, es seien in den einzelnen Ländern Arbeiterparteien als Sektionen der IAA zu bilden, wurde an der Londoner Konferenz 1871 angenommen.  Die Gegner eines zentralistischen Kurses sahen den Strömungspluralismus in der Internationale gefährdet. Doch der von Marx geprägte Generalrat setzte sich ein weiteres Mal durch: Am Haager Kongress Anfang September 1872 errang er - mit teilweise fragwürdigen Mitteln - die Mehrheit der Delegierten. Diese übertrugen ihm die Kompetenz, ganze Föderationen aus der Internationalen auszuschliessen.
Noch während des Haager Kongresses wurde Bakunin beschuldigt, eine Geheimgesellschaft mit dem ZIel gegründet zu haben, der IAA zu schaden. Zusammen mit James Guillaume und Adhémar Schwitzguébel, den übrigen Delegierten der Juraföderation, sollte er ausgeschlossen werden. Tatsächlich schloss der Haager Kongress Bakunin und Guillaume wurden mit grosser Mehrheit aus der IAA aus, darauf verlangte Schwitzguébel, gleich behandelt zu werden. Für die Ausgeschlossenen ergab sich die Notwendigkeit, ihre politische Tätigkeit neu zu strukturieren - mit einigen Delegierten der Kongressminderheit reisten sie in die Schweiz, um dort das weitere Vorgehen zu besprechen.

Die Gründung der Antiautoritären Internationale

Am 15. September 1872 trafen sich die Delegierten der Juraföderation in St.-Imier, um über die Beschlüsse des Haager Kongresses zu diskutieren. Nach Schwitzguébels Rapport über die dortigen Verhandlungen und Beschlüsse erklärten die Delegierten einstimmig, dass sie den Machtanspruch des Generalrates nicht anerkannten. Nur eine Stunde später begann der Gründungskongress der Antiautoritären Internationale, an dem Delegierte aus fünf Ländern vertreten waren - aus Italien, Spanien, Frankreich, der Schweiz und den USA. Der Kongress verabschiedete mehrere Dokumente, deren Grundlagen Schwitzguébel, Bakunin und die italienischen Delegierten bereits in Zürich ausgearbeitet hatten.
Einige wichtige Grundsätze der neuen Internationalen:  
Die antiautoritären Föderationen wollten künftig stärker zusammenarbeiten, ohne den Strömungspluralismus zu gefährden.  Als erste Aufgabe der Arbeiterschaft wurde die Zerstörung der bestehenden politischen Macht definiert. Niemand dürfe jedoch zu diesem Zweck eine "provisorische revolutionäre Macht" etablieren - eine solche wurde als für die Arbeiter ebenso gefährlich erachtet wie die Macht der traditionellen herrschenden Klassen. Der Kampf der Arbeiterschaft für ihre unmittelbaren Interessen sollte in einen grossen revolutionären Kampf münden, der alle bisherigen Klassenunterschiede beseitigen sollte.

Erste Erfolge und Bakunins Rückzug

In einer ersten Phase entwickelte sich die neue Internationale wie gewünscht: An ihrem Genfer Kongress im September 1873 nahmen erstmals auch Delegierte aus England und Belgien teil. Der Kongress stärkte die Autonomie der Sektionen - die zentralen Aufgaben sollten nach dem Rotationsprinzip jeweils von einer der regionalen Föderationen übernommen werden. Der Erfolg des Genfer Kongresses bot Michail Bakunin die Gelegenheit, sich aus der aktiven Politik zurückzuziehen.  Anfang Oktober schrieb er der Juraföderation: "Noch gestern durfte niemand unsere Reihen verlassen, aber heute, da der Sieg errungen ist, gehört die Freiheit des Handelns wieder jedem einzelnen. Ich nutze dies, liebe Kameraden, um euch zu bitten, meine Demission als Mitglied der Juraföderation und der Internationale zu akzeptieren."

Die weitere Entwicklung der Internationale

Noch im gleichen Jahr begann ein längerfristiger Wirtschaftsabschwung, der die Lebensbedingungen der Arbeiterschaft in den folgenden Jahren verschlechterte. Die Antiautoritäre Internationale spürte vorerst kaum negative Auswirkungen auf ihre Tätigkeit. Ihr Kongress in Brüssel (7. - 12. September 1874) war ebenso gut besucht wie der vorangehende. Der Optimismus der Delegierten schlug sich auch in den zentralen Kongressthemen nieder - so führte die Frage,  wie der öffentliche Dienst in der föderativ organisierten Gesellschaft der Zukunft zu organisieren sei, zu heftigen Debatten.
Der für das Jahr 1875 geplante Kongress in Spanien konnte wegen der dort ausgübten Repression nicht stattfinden. Erst am 26. und 27. Okober 1876 trafen sich die Delegierten der Föderationen wieder, und zwar in Bern. Der Berner Kongress machte die Existenz zweier politischer Strömungen deutlich. Während die belgische Föderation ein gemeinsames Treffen aller sozialistischer Strömungen anregte, zeigte sich die italienische Föderation bereit, die Staatsmacht mit konkreten Widerstandsaktionen herauszufordern.
Schon im Jahr nach dem Berner Kongress schritten etwa dreissig Aktivisten der italienischen Föderation zur Tat: In der Absicht, eine revolutionäre Bewegung auszulösen, besetzten sie in der Region Benevent zwei Dörfer. Sie verbrannten die Archive und proklamierten die Revolution. Nur eine Woche mussten sie sich bedingungslos ergeben. Trotz dieser Niederlage blieb das Vorgehen der italienischen Föderation nicht ohne Wirkung. Der französische Aktivist Paul Brousse, Mitglied der Juraföderation, propagierte fortan eine offfensivere, kämpferische Strategie - die "Propaganda der Tat": Mit nötigenfalls gewalttätigen Akten des Widerstands sollte die Bevölkerung für einen Sturz der herrschenden Ordnung gewonnen werden.

Der Niedergang der Antiautoritären Internationale

Die "Propaganda der Tat" stand in scharfem Kontrast zu den tatsächlichen Entwicklungen in der Gesellschaft. Die schlechte Konjunktur trug dazu bei, dass die meisten Arbeiter sich in erster Linie um die Erhaltung ihres Arbeitsplatzes sorgten. In der Schweiz  trugen symbolische Handlungen des Widerstands wie die Verteidigung der roten Fahne in Bern am 18. März 1877 dazu bei, die Aktivisten der Internationale zu isolieren: Die Behörden reagierten mit repressiven Massnahmen, und die Angst, selbst ins Visier der Arbeitgeber und der bürgerlichen Politiker zu geraten, hielt viele Arbeiter davon ab, Solidarität zu zeigen.

Ein letzter Kongress der Internationale im belgischen Verviers vom 6. September 1877 machte deutlich, dass eine Spaltung nicht mehr zu vermeiden war: Die libertären Sozialisten der Föderationen Italiens, Frankreichs, Deutschlands, Griechenlands, Ägyptens und der Schweiz lehnten jedes Zusammengehen mit politischen Parteien der "autoritären Sozialisten" ab. Für die belgische und die flämische Föderation war das Grund genug, die Antiautoritäre Internationale zu verlassen und sich für die Zusammenkunft aller sozialistischer Strömungen einzusetzen, die drei Tage später in Gent begann. Nach dem Kongress in Verviers hörte die Internationale praktisch auf zu existieren.
Ein wichtiger Faktor für ihren definitiven Niedergang war die Schwächung der einst so aktiven Juraföderation. Deren führende Mitglieder litten wie Adhémar Schwitzguébel unter den Folgen der behördlichen Repression oder kehrten wie James Guillaume der Politik resigniert den Rücken - wenigstens vorläufig.






AutorIn: Christoph Lörtscher
 
 
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